Zwieseler Glastage & Glasnacht

Zwieseler Glastage 2020

IN 80 TAGEN UM DIE WELT

Raus aus der Glaskunst-Ecke

Die Künstler der Zwieseler Glastage 2020 reisen „In 80 Tagen um die Welt“

Von Ines Kohl

Im Herbst 2019 dachte noch niemand, dass ein Virus die Reisepläne der Künstler durchkreuzen könnte. „In 80 Tagen um die Welt“ war das geplante Thema der Glastage Zwiesel, und die Künstler erweiterten nun ihr Thema vom Reisen zum nicht Verreisen und wohin eine Reise ins Ungewisse führen könnte. Glasschaffende aus aller Welt waren wieder eingeladen, ihre individuellen Reise- und andere Geschichten mit dem Medium Glas zu formen.

Achtzig Tage lang, bis zum 3. Oktober, sind die Arbeiten von Glasmachern aus Europa, Asien, Ozeanien und Afrika im Waldmuseum Zwiesel zu sehen. Die Jury hat strenge Kriterien walten lassen und präsentiert eine wohltuend klare und stringente Ausstellung.

Die Künstler beschäftigen sich nicht nur mit ihren individuellen Erlebnissen und persönlichen Gedankenwelten – die brennenden Probleme des Planeten Erde und seiner wachsenden Bevölkerung sind, nicht zuletzt aufgrund von Corona, zu einem Thema geworden, das sich durch die Ausstellung zieht. 

Die Ausstellung ist ein facettenreiches Abenteuer 

Die Kuratorinnen haben sechs thematische Gruppen zusammengestellt. Beginnend mit der „Natur- Reise“ ruft das gläserne U-Boot von Silvia Lobenhofer-Albrecht beim Betrachter die Erinnerung an Jules Vernes Roman „Reise um die Erde in 80 Tagen“ hervor, die Künstlerin sieht es als Statement gegen die Vermüllung der Meere. Benachbart dazu lenkt Jörg Kulow mit dem Objekt „deadly blindness“ die Aufmerksamkeit auf das gefährdete Ökosystem der Erde. Ulrike Kaltenbach wirft auf ihren „Reisen grenzenlos“ den Blick auf die Welt aus unterschiedlichen Perspektiven. Mit japanischer Ästhetik und Gelassenheit sieht Masami Hirohata im Kleinen das große Ganze, sein „Still Life with two Kakis II“ fasst in der Einfachheit einer Kakifrucht die Schönheit der Welt.

Unendlich sind für Ulrich Precht aus dem Glaszentrum Lauscha in „Cube III“ die optischen Varianten, die das Glas ermöglicht, je nach Standpunkt des Betrachters. Von ihren persönlichen Erinnerungen erzählt die Arbeit von Rini Ronckers. Der Kopf aus gegossenem Glas balanciert viele kleine Schreine mit Reiseandenken. Ihre „Lebensreise“ zeichnet Alexandra Geyermann auf Floatglas mit integrierten Fotografien auf. Barbara Freshwater thematisiert „Boatpeople“ auf der „Reise ins Ungewisse“ mit Glas und verschiedenen Materialien. Auch Elke Mank hat den Schrecken der Flucht übers Mittelmeer formuliert. Der am Strand angespülte Körper des kleinen Alan Kurdi wurde von ihr im Glas verewigt.

Hinterglasmalerei bleibt ein Thema. „World swing“ von Lothar Ziegler schaukelt an dünnen Seilen an der Weltkugel. Das Motiv des Narrenschiffs erscheint hochaktuell. Ein Höhepunkt ist die wandbreite Installation aus bedruckten Glasscheiben. In „London Walk“ hat Axel T Schmidt Absperrhähne, in London „stopcock“ genannt, zu einer gläsernen Wand zusammengestellt, eine Reise durch die Stadt mit ungewohnten Bildern. Wolfgang Schmölders erinnert an den Pionier der Studioglasbewegung, Harvey Littleton. Mit einem verschmolzenen Glasblock interpretiert er eine Glasplastik des Weggefährten von Erwin Eisch neu.

Nicht spektakulär, aber durch ihre Subtilität begeisternd, ist die aus gebrochenem Glas zusammengesetzte Schrift „Love, Faith, Hope“. Zwischen realem Scherben und seinem Schatten kann das Auge kaum unterscheiden. Ebenso subtilarbeiten Hajo Mück und Wolfgang Mussgnug. Die optische Erforschung von „Venedig“ sei dem Besucher ans Herz gelegt.

So sind die unterschiedlichsten Arten, in achtzig Tagen um die Welt zu reisen, an den Glastagen 2020 zum facettenreichen Abenteuer geworden, für das man sich viel Zeit nehmen sollte. Die Künstler, die mit dem Material Glas arbeiten, haben sich aus der Schockstarre gelöst, in die sie nach der Phase der Studioglasbewegung geraten waren, und haben sich freigeschwommen. Junge Künstler rücken nach, die mit Selbstverständlichkeit mit dem Material umgehen. Der strengen Jury ist es zu verdanken, dass sich Kunst aus Glas als ein weites Feld darstellt, auf dem schlüssige Arbeiten überzeugen, die nicht mehr in der „Glaskunst“-Ecke stehen müssen.

Wohin geht die Reise?

„In 80 Tagen um die Welt“ – die meisten Europäer*innen werden vermutlich an Jules Vernes Roman „Eine Reise um die Erde in 80 Tagen“ denken, wenn sie diesen Titel lesen.